Seit es Corona nicht mehr gibt, haben die Menschen wieder verlernt, Abstand zu halten. Es liegt die Vermutung nahe, dass es eine Sorte Mensch gibt, die danach trachtet, sich jeden zu Coronazeiten eingebüßten Millimeter wieder zurückzuholen. Ein Anschieben an der Kassenschlange, begleitet von einem warmen in-den Nacken-Schnauben, meint: gib mir meinen Lebensraum zurück, noch bin ich (nicht ausgestorben). Oder: ein Akt patriotischer Übernahme des vermeintlich eigenen Reiches? Ein Drang nach der Eroberung fremder Grenzgebiete, um das eigene Reich zu erweitern: jetzt erst recht!
Ab welchem Punkt beginnt das, was am anderen gerade noch erträglich war, in eine Unerträglichkeit zu kippen? Oder: wie viele Menschen kann man wirklich nahe bei sich ertragen?
In den Wohnungen meiner Kindheit gab es kaum Schlüssel, vermutlich weil meine Mutter Angst hatte, ich würde mich damit einsperren und könnte dann von niemandem mehr aus dem Off befreit werden. An unvorsichtigen Tagen vergaß Oma den Schlüssel in der Schlafzimmertüre, was mich freute: unverzüglich sperrte ich mich damit ein. Es war ein erhabenes Gefühl, die Anderen draußen und meinen Raum menschenleer zu wissen. Siegessicher zwinkerte ich mir dann vom Schlafzimmerspiegel aus zu.
Wie muss ein Raum aussehen, der nur für mich gedacht ist?
Ich träume von Räumen, aus denen Räume wachsen: wie Mohnblütenblätter legen sich die Wände weich um mich und geben den Himmel frei.
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