Vorhöllen

Die Hölle ist nach den Auffassungen zahlreicher Religionen ein unwirtlicher, jenseitiger Ort der Bestrafung für, dem jeweiligen Glauben als verboten geltende, im Diesseits begangene Taten — sagt das Internet.
Hölle — sagt mein Unbewusstes — scheint in Zusammenhang mit dem Feuer zu stehen, einem Glosen, das in meinen Träumen eher einer kaputten Weihnachtsbeleuchtung als dem Fegefeuer gleicht.
Ich stehe vor dem Höllentor, das eine Art der Vorhölle eröffnet und durch das Massen an ausschließlich Frauen pilgern, die ihre Schuld abbüsen wollen.
In der Hoffnung, durch eine Bestrafung eine Befreiung ihrer Seelenqualen zu erlangen, pilgern die Masochistinnen durch ein überdimensioniertes Tor, an dessen Öffnung eine Wächterin steht, die die verlorenen Seelen hineinlotst mit dem Versprechen der Befreiung.
Ich strebe nicht danach mich von Schuld zu befreien, weil ich nicht an Schuld glaube, aber ich möchte wissen, was in den Kellergewölben passiert. Mit vorsichtigem Schritt wage ich mich in einen dunklen Gang, der von lächerlich anmutenden Fackeln beleuchtet wird, bis ich mich plötzlich furchtbar vor einem Gedanken erschrecke: „Was, wenn meine Neugier Schuld daran ist, dass ich nun nie wieder ins Freie komme?“
Ich renne die wenigen Meter zurück in die Richtung, aus der ich gekommen bin, ich bin überzeugt: Keine Schuld kann so groß sein, dass sie das Einbußen meiner Freiheit legitimieren kann.

Aus höherer Warte blicke ich auf die Höllenpilger und wende mich von ihnen ab. Ich pilgere selbst in ein Gebäude, das weniger nach Hölle und mehr nach einem Amt aussieht. In Reih und Glied sitzen hier die Mütter der Töchter, die in der Vorhölle um die Erlösung ihrer Sünden flehen und warten auf ein Urteil, auf deren Befreihung. Noch immer würde ich gerne wissen, was in den Höllengefilden passiert und begegne einem Mann, der mir eine Antwort darauf verspricht. Er möchte mich auf das vorbereiten, was die Hölle bietet, damit ich – eben für den Fall der Fälle – vorbereitet bin. Er zeigt mir, was der Teufel von mir möchte, ich schaffe es, mich zu befreien und bin überzeugt davon, dass es nichts Teuflischeres gibt als Männer, die den Schutz vor dem Teufel propagieren.

Die Hölle sind nicht die Anderen per se, denke ich, die Hölle ist der Versuch, der Hölle zu entkommen, sich vor ihr zu wappnen.

Hinterlasse einen Kommentar