Ein Benehmen haben

Das Feststellen davon, was 1 Benehmen ist, so dachte ich bisher, ist eine Sache, der Boomer-Generation. Doch ich stelle fest: ich habe mich getäuscht. Es ist zwar nicht en vogue, sich dem Umfeld respektvoll gegenüber zu verhalten, aber immerhin liegt es im Trend zu beurteilen, wer so etwas wie ein Benehmen hat und wer nicht. Doch was, frage ich mich, bedeutet es überhaupt sich zu benehmen?

Benehmen ist ein Verb, das ursprünglich vom Wort „wegnehmen, entziehen“ stammt. Man fragt sich: wer nimmt jemanden etwas weg, wer entzieht sich oder was wird hier wem entzogen? Angesichts der Tatsache, dass Menschen sehr häufig fehlendes Benehmen anprangern, wenn es darum geht, dass sie etwas von anderen nicht so bekommen wie sie es sich von diesem/r erwartet haben, erscheint mir dieser etymologische Zugang durchaus aktuell.
So hätte es sich laut M. zum Beispiel gehört, dass der A. noch am selben Tag der Geburt seines dritten Kindes, das ohnehin zwei Wochen zu früh unter stressigen Bedingungen auf die Welt geboxt wurde, uns allen gleich ein Foto des Neugeborenen mit den allerneuesten Infos dazu (vielleicht auch der Auskunft darüber, in welcher Geburtslage seine Frau das Kind bekommen, wann sie am lautesten geschrien haben oder auch nicht habe) geschickt hätte. Nun hat er das aber nicht, er hat uns etwas entzogen, das, so meint M., uns zusteht – also habe er folglich kein Benehmen.

Ich denke, dass es weder eine Meldepflicht am Ankommenstag auf einem ohnehin zum Tode verurteilten Planeten gibt, noch dass es angemessen ist, sich an jahrhundertealte Wortraditionen nach wie vor anzulehnen, denn: auch Worttraditionen glauben an die Chronologie von Zeit.
Im mittelhochdeutschen bineman beginnt das Benehmen reflexiv zu werden und sich einen Bezug zum Subjekt zu schaffen; sich zu verhalten, sich aufzuführen – das, was uns noch ein paar Jahrhunderte zuvor entzogen wurde, wird zur direkten Anschuldigung. Wir werden zu einem allumspannenden Gewissen, einem Über-Ich, das sich über die beobachtete Welt spannt, in richterlicher Funktion. Wir beurteilen andere, frei von der Leber aus.
Im 18. Jahrhundert schließlich findet sich das Benehmen auch im Zusammenhang mit einem „sich besprechen, mit jemandem verständigen“ , was wiederum darauf hinweist, dass das Subjekt, dem ursprünglich etwas entzogen wurde, woraufhin es beleidigt war und zum rachsüchtigen Richter wurde, nun in eine ödipale Situation der Ausgeschlossenheit rückt. Oje.

Frei von der Leber sind auch meine Deutungen, die jeder sprachwissenschaftlicher Grundlage entbehren, aber das kommt vermutlich daher, dass auch ich kein ausreichendes Benehmen habe – besonders nicht in der Hinsicht, mich akademischen Traditionen zu beugen.

Apropos beugen: Ich stelle fest, S. und G. haben bereits einen Buckel, weil sie vermutlich denken, jemand soll ihnen denselben mal runter rutschen, aber weil sie ja so ein Benehmen haben, sagen sie danke. Danke, dass auch du meinen Buckel siehst, dass du dich so hart darauf abstützt (ein bisschen mehr geht noch), dass du siehst, dass du wertschätzt, wie ich leide; ich bin, sagen sie, zwar erst ein Mitt-Vierziger, aber ich habe schon hart an meiner Gebücktheit gearbeitet (dazu immer wieder mal Rammstein gehört, was ich nun nicht mehr darf, aber ich orientiere mich jetzt am Konfuzianismus, das ist auch akzeptabel, weil die Chinesen ja auch hart Leistung vollbringen, ((no shaming und racism und so)) Aber vorallem freue ich mich wirklich riesig, dass dir mein Buckel gefällt, mein Zeugnis des Benehmens: 1A.

Eine Antwort zu „Ein Benehmen haben”.

  1. Die mit dem schlechten Benehmen können einander gut ins Benehmen setzen.

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