Selbstwert und Shampoo

(Triggerwarnung sexuelle Gewalt)

Werbung schafft, was Lehrpersonen mit großen Mühen meist nicht vollbringen: Sie brennt sich in unsere Hirnzellen ein. Eines dieser, aus Markensicht gelungenen, Brandings kann L‘ ´Oreal verzeichnen, zumindest dann, wenn du Kind der 90er bist. „Weil ich es mir wert bin“, ist ein Slogan, den ich auch mit noch so großem inneren Widerstand nicht von Claudias Gesicht und dem Schütteln ihrer blonden Mähne trennen kann. Im Sinne der Interaktionsmetapher (re)produziert Claudia das „kollektive Lebensgefühl“ einer Generation von Frauen, die sich etwas versprechen lassen, was seinen Preis hat.

Rasch wird im Werbeclip deutlich, welche Karotte vor Claudias Nase baumelt. Sie darf heute mal besonders kraftvoll (wenn auch geschmeidig bleibend) in der Welt glänzen. Dass dieses Versprechen nur von etwas Männlichem bestätigt werden kann, erklärt sich von selbst. Ein Schlauberger erklärt uns, wie es funktioniert, dass Claudia strahlt, wenngleich auch auf mehrdeutigem Wege: Etwas (das Shampoo?), dringt in Claudia (s Haar?) ein und hält es dadurch kräftig und gesund. Von Innen heraus, versteht sich. Drei Vitamine, wiederholt Claudia entzückt die männliche Botschaft; für dreifach schönes Haar! Genauso wie die Claudia es eben so gerne mag. Am Ende des Clips wiederholt die Männerstimme den Namen des Shampoos, um sicher zu gehen, dass die wichtigste Botschaft auch professionell vertreten wurde und Claudia darf es sich abschließend kopfschüttelnd noch einmal Wert sein.

Eine kapitalistische Gesellschaft ist dazu da, alles zu verdinglichen, was ihr in die Klauen kommt. Mag dieser Clip für uns hart gesottene KapitalistInnen nur wie ein harmloser Wink der Werbeindustrie wirken, trifft er doch bei genauerer Analyse, wie ich behaupte, den wunden Punkt vieler Frauen. Die Objektifizierung der Frau (des Subjektes) ist ein Problem; Verdinglichung, die an die Vorstellung des eigenen Wertes gekoppelt ist, ein Disaster.

Frauen werden in eine Welt geboren, in der es zur Norm gehört, dass sie strukturelle und individuelle Gewalt erleben. Rund 82 Prozent der Frauen werden Opfer häuslicher Gewalt, in rund 90 Prozent der Fälle wird die Gewalt von Männern ausgeübt und jede dritte Frau erlebt bis zu ihrem 21. Lebensjahr schwere sexuelle Gewalt. Alles Zahlen, doch was bedeutet das eigentlich?

Es bedeutet u.A., dass jede dritte Frau bereits früh dermaßen massive Gewalterfahrungen körperlicher und psychischer Natur erlebt hat, dass diese ihr gesamtes Beziehungsverhalten (womit ich Beziehung zum Leben, zur Welt, zum Menschen meine) nachhaltig prägen werden. Es wird ein lebenslanger Kampf sein, sich in Augenhöhe mit anderen Menschen zu sehen, sich sicher zu fühlen, sich jemandem anzuvertrauen, seinen Körper und sich selbst wahrzunehmen (geschweige denn anzunehmen), die eigenen Grenzen zu spüren, einen Alltag zu führen, ohne dabei in regelmäßige Angst- und Erschöpfungszustände zu verfallen uvm. Der Kampf um die eigene Autonomie, das Recht auf sich selbst, wird sich in zahlreichen Beziehungen zu Menschen und Situationen immer wieder, in gefühlter Endlosschleife, wiederholen.

Diesmal, werden diese Frauen sich dann jedes Mal sagen, und diesmal und diesmal und…..werde ich es schaffen, dass sich etwas für mich ändert; Diesmal werde ich mich selbst nicht einbüßen, mich nicht verlieren, beugen, verletzen. Wenn ich mich nur genug anstrenge, dieses eine Mal, wird auch die Welt sehen, dass ich es doch wert bin, in ihr zu sein.

Die Anstrengungen, die diese Frauen dabei auf sich nehmen werden, es der Welt zu beweisen, werden grenzenlos sein. Die Lust zum lasziven Haareschütteln wird in dieser Suche nach Wert allerdings gering ausfallen, .

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