Vor Jahren habe ich einen Ikebana-Kurs besucht und mich dabei dem Arrangieren herbstlichen Gestrüpps gewidmet.
Man nehme: Pflanzen (spärlich)
man beachte: den Leerraum (vor allem).
Das Arrangieren von Blumen – eine Meditation, ein Parabel für das Universum, Wiederauferstehung des Entwurzelten, ein Gedicht. Die Harmonie des Himmels und der Erde bringt alle Kreaturen hervor, so die Maxime der japanischen Steckkunst, die es zu beachten gilt.
Was wie ein weiteres Steinchen zum Mosaik der Erleuchtung anmutet – oder zumindest nach einem kreativen Nachmittag klingt – entpuppt sich als ein Folgeleisten des Rigiden: Erstelle das Prinzip des Kreises als Symbol des Himmels und füge ihm ein Quadrat als Symbol der Erde hinzu. Bedenke, dass sich daraus wiederum vier Himmelsrichtungen bilden. Diese sind einzuteilen in Oben, Unten, Links und Rechts – innerhalb des Kreises. Eine gezogene Mittelsenkrechte auf deiner Skizze veranschaulicht, dass sich nun zwei Hälften aus Dreiecken bilden, die bereits mit Bleistift (Stärke 2B) von dir vorab exakt skizziert wurden. Ich stelle nach nur wenigen Kursminuten fest: Ikebana ist hardcore.
Vor mir liegt ein Steckigel (Kenzan), ein Miniaturnagelbett, das mein Pflanzwerk zu Fakiren macht. Ich kämpfe mit der Entscheidung, welcher meiner Pflanzlinge Himmel und welcher Erde wird, massakriere die abgeschabten Spargelhälse an den Nägeln (wobei ich mir selbst unter die Nägel steche) und breche meiner Menschenpflanze einen Zweig ab. Mein Westgewächs kippt in den Osten und mein Süden liegt flach.
Habe ich mir noch beim Kauf der Pflanzen ein buntes Arrangement am Küchentisch imaginiert, mein Kleinkunstwerk, das herbstlich-abendliche Stimmung bei gemütlicher Teezeit verspricht, entbehrt das schiefe Gestrüpp vor mir jedweder fröhlichen Leichtigkeit.
Über drei Stunden lang zupfe ich an denselben Zweigen, arrangiere mein Gesteck, das ich immer wieder ungeschickt mit einer Handgeste zu verdecken versuche, um der herrischen Workshopleiterin einen strafenden Blick darauf zu verwehren. Doch ihr entgeht nichts. DAS ist kein Himmel, DAS ist maximal eine schiefe Erde auf der ein verkrüppelter Mensch hockt, brüllt ihr verachtender Blick mich an und meine Stimmung schlägt aus, ein Pendel zwischen dem Gefühl des Versagens und dem Wunsch, der Blumendomina mein Gewächs in die Fresse zu hauen.
Der Versuch, die Harmonie des linearen Aufbaus zu finden, die Balance des Asymmetrischen zu erlangen, die ganz eigene Qualität der Pflanze zum Ausdruck zu bringen, ihr im goldenen Schnitt ein Leuchten zu entlocken endet mit einem tatkräftigen Entschluss: Nie wieder werde ich einen Ikebana-Kurs besuchen.
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