Die erste Geburt, schreibt Hannah Arendt, erfahren Menschen mit dem Hineingeborensein in das Bezugsgewebe von anderen Menschen und Dingen. Die Welt ist uns nicht gegeben, wir legen sie durch Bänder im Dazwischen fest. Zurückgeworfen auf uns selbst sind wir fadenlose Marionetten auf der Bühne des Lebens, publikumslos.
Ich denke, die Welt
erscheint uns bloß
in Netze gelegt/ wir weben
uns durch Menschen/ knüpfen uns
in sie hinein.
Sind wir alle Weber:innen, Fadenblicke aus Netzhäuten werfend, Netze, zu dicht geknüpft, um sie zu durchdringen?
Der Blick des Anderen ist eine Ungeheuerlichkeit, der wir nicht entgehen können, schreibt Sartre. In ihm enthüllt sich, was ich an mir selbst nicht fassen kann. Subjekte verfehlen sich in den Fängen ihrer Betrachtungen, getrieben vom Versuch sich selbst zu fassen, sich im fremden Blick bestätigt zu wissen. Der Rest an Freiheit der uns bleibt, ist die Hoffnung, mit jedem neuen Blick immer wieder der endgültigen Festschreibung zu entkommen.
Homunculus zieh die Vorhänge zu
verberge mich vor fremden
Blicken/ nie können wir sehen
was sie in uns
legen.
Das Leben ist eine unendliche Revision der eigenen Geschichte, denke ich. Doch was, wenn das Leben vollendet ist und der Blick des Anderen auf dich das Einzige ist, was noch bleibt? Gibt es Räume, frage ich mich, die nur ich alleine betreten kann, Zonen, die allen anderen verborgen bleiben, in denen ich mir ausnahmslos selbst begegne?
Wenn der Schlaf über mich bricht, ist es ein leichtes mich auszufalten, zwischen den Rippenbögen das brach liegende auszustreichen, zonenweise hineinzufallen in meinen Raum. Dort kreuzen sich Orchideen mit Nelken, Kornblumen verstecken sich unter Farnen, das Schilf ähnelt dem wehenden Getreide im Wind und kleine Tulpenzwerge haben sich auf mir angesiedelt. Ich pflücke sie von meinen Beinen, streife über ihre dunkelgrünen Blätter, den kernigen Stiel entlang, streichle über die Spitzen des Blütenkelches, der sich unvermittelt zu einem scharfzahnigen Maul öffnet, das ins Unermessliche zu wachsen beginnt. Aus dem Tulpenzwerg wird ein Pflanzenriese, ich werde ins Innere des Kelches gesogen und treibe in einem lichtlosen Raum.
Suche, flüstert eine Stimme aus der Ferne, die Worte werden zum Windhauch.
Suche, tönt es erneut und wieder
Suche!
Eine zarte Brise an meinem Nacken richtet meine Härchen auf und beginnt, sich in begrenzte Leibteile zu gießen. Die Stimme wird zum schaukelnden Kopf über tosenden Flammen, der Kopf trägt dein Gesicht, deine Rastalocken werden zu Fackeln, mit deren glosenden Enden du spielst; dein Blick fixiert mich, während du dich fortwährend schneller um mich drehst.
Suche, hauchst du wieder,
Suche und deine Schieflage bringt unseren Raum zum Rotieren;
du bist ein Feuerdompteur, das einzige Licht im stockdunklen Raum;
Suche hauchst du, eine Endlosschleife
der Hauch deines Atems: ein Geist, der über mein Schulterblatt streift.
Wir rotieren über Funkenschlägen, spüren das Aufkommen von Wärme, einer Glut, die uns einander erkennen lässt; dein Atemgeist dringt in mich, wird Eins mit meiner Brust, verendet im Schoß, die Blase platzt.
Ich erwache aus meinem Traum, kalter Schweiß klebt das Nachthemd an meinen Rücken fest, Hitzewellen schwemmen sich von meiner Brust bis an die Spitzen der Zehen. Schreiben Sie ihre Träume auf, höre ich die Therapeutin in mir mahnen und greife zum Notizblock, der am Nachtkästchen bereit liegt. „In mir“, notiere ich, „ist ein Zoo, der Angstarten-Vielfalt. Ohrenbetäubend dröhnt heute der Hyänenschrei.“
Ich fühle mich wie ein Tier
eingeschlossen hinter tausend Stäbchen
und Zäpfchen und dahinter steckt niemals
bloß meine Welt.
Wir alle, sagt meine Therapeutin, haben Zufluchtsemotionen, die uns einladen, uns ihre Formen überzustülpen, besonders dann, wenn man sich selbst gerade formlos fühlt. Welche Spelunken würdest du niemals besuchen und in welchen Saloons verkehrst du täglich? In welchen deiner Gastgärten gibt es das billigste Bier oder zumindest warmen Kakao und wo würde sich deine Mutter niemals blicken lassen? Emotionsgärten sind mitunter verlogene Hunde, die ihre Angebote in die Nacht heulen, im Wetteifer darum, dich als Kunden einzuwerben. Sie wollen dich mit ihren Versprechen ködern, dir Alternativen zu ihren Mitstreitern im Sonderangebot präsentieren, dich täuschen und notfalls betrügen, um selbst zu überleben.
Du bist nicht
dein Gefühl, sagt der Yogi besänftigend in mir
du bist: mehr,
du bist: das dahinter,
das davor oder überhaupt
das Oberhaupt.
Bin ich der Zufluchtsort meiner Emotionen? Bin ich der Raum, der ihnen Form verleiht? Bin ich der Garten, dessen Türen immer offenstehen, bin ich der Wald, in den du rufst, die Angst, dass die Antwort ausbleibt? Ist es das Gefühl fehlender Selbstwirksamkeit, die Menschen in Aneignungszwänge, rasend vor Wut, drängt? Der Konformismus des Gesellschaftlichen untergräbt Neuanfang und Freiheit, er umgeht die Risiken der Unabsehbarkeit; Es liegt ein stummer Schrei nach Anverwandlung in meiner Welt. Er ruft nach Möglichkeiten, die andere Formen von Welt versprechen. Doch die Wände um uns sind meterhoch; wir haben sie in jedem Dazwischen aufgestellt.
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