Vom Überschreiben (1 von 3)

Gedanken an bedeutsame Momente sind an konkrete Erinnerungen geknüpft – Erinnerungen jedoch nicht immer an Worte. Als läge etwas auf der Zunge, ein Geschmack, schon in den Knospen zu ertasten – dennoch bleibt oft nur der fahle Nachgeschmack. Das Zuordnen von Worten zu emotionalen Erfahrungen kann wiederum dazu führen, dass sich Bedeutungen festschreiben, dass man, halbverdaut, im Schlund der Interpretationen hängen bleibt.

Wo beginnt//                     
das Bedeutsame//               an Momenten
und wo//                                                                                                      
hört es auf//                         sich beschreiben
                                                          
                                            zu lassen

In seinem dystopischen Klassiker 1984 beschreibt Orwell die Beschränkung sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten und den damit einhergehenden Verlust der Freiheit des Denkens. Im fiktiven Staat Ozeanien wird die Sprache Neusprech entwickelt, mit dem Ziel Ideologie in den Menschen zu verankern. Abweichende Sprachformen werden als Gedankenverbrechen sanktioniert, womit der Bevölkerung schrittweise die Bezeichnung für das unerwünschte Bezeichnete entzogen wird: ein totalitäres Regime entsteht.

Doch auch abseits der Fiktion ist die Sprache Sklave ihrer eigenen Grammatik – und zugleich Sklaventreiber. Unterschiedliche Grammatiken können zu verschiedenen Darstellungen von Ereignissen führen, unterschiedliche Sprachen erfordern und trainieren andere kognitive Fertigkeiten. Die Realität wird umso kleiner, je weniger Worte wir haben, um sie zu beschreiben.

wir leben
im vorauseilen
den gehorsam
unserer Sprache

lassen uns fügsam
in ihre Fugen gießen
folgen
ihren Worten
den zahmen lieber
als den wilden

Wenn sich Zuschreibungen so eng aneinanderschnüren
dass die Sprache aus den Fugen fällt
lügen die Worte
stets

….

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