namenloses nichts

Lilly ist eine würdevolle Lady, wenngleich schon etwas in die Jahre gekommen. Doch auch wenn sich im Laufe der Jahre einige Gebrechen bei ihr einstellten, war auf sie bisher immer Verlass. Lilly war immer da, wenn man sie brauchte, und kutschierte mich monatelang durch unwegsame Gelände. Ich kann das Hymermobil Modell 620, Baujahr 1970, allen Camper:innen nur wärmstens empfehlen.

Egal ob es sich um Fahrzeuge, Körperteile, Musikinstrumente oder Rasenmäher handelt – Menschen sind regelrecht besessen davon, dem Ding einen Namen zu geben. Es ist das Label, das zur Liebe führt und mit Namenlosem lässt sich keine innige Beziehung eingehen. Wir haben eine Präferenz für individuelle Entitäten, vor allem dann, wenn wir die Gelegenheit hatten, sie selbst zu benennen.

Im Benennen erleben wir uns
göttlich, markieren wir                                        
ohne Rücksicht auf Differenzen                 
pflanzen Zuschreibungen in Worte
erliegen dem Phantasma
der Vollkommenheit

wir glauben an die Macht                                     
der Namensgebung
der Fleischwerdung des Benannten
an das Wort, mit dem endgültig
alles gesagt ist

Die Gleichheit, in der wir vor allem benannte Subjekte wiederzuerkennen glauben, liegt nicht in ihnen selbst, sondern in ihrer Markierung.
Wir sind: die Primaten, die sich im Spiegel am blinden Fleck erkennen,
das überzogene Grinsen des melancholischen Clowns;
wir sind: die Maulwürfe, mit Nachdruck das Zähe um sich
werfend, den Silbenlehm;
wir sind: die Töpferer
der Krüge um die Leere.

Wir benennen, weil Namensgebung uns ermächtigt
ein Emporkletterns an Zugeschnittenem, in der Sehnsucht
nach dem Ausblick auf das offene
Meer


Hinterlasse einen Kommentar