11 finger

2003 ist das Jahr der Finger. Ich besitze glücklicherweise zehn davon, wobei mir sechs nicht gehorchen, und das ist immerhin die Mehrheit. Die Wollschnur in meinem verschwitzten Nacken löst ein unerträgliches Jucken aus, zwischen mir und dem erlösenden Kratzakt baumelt ein Pappkarton, der mir den Weg versperrt.

Aaa sss ddd fff jjj kkk lll ööö

meine Finger gebären
sinnbefreite Buchstabenblöcke, getrieben vom Ansporn, die Tastatur mit möglichst vielen Anschlägen zu massakrieren, tickendes Metronom zu sein, oder Zeitbombe, rhythmisch gegen den Takt.

Ich schaffe es, eine enorme Anschlaggeschwindigkeit vorzulegen, die meine Klassenkamerad*innen staunen lässt. Ich schaffe es auch, ein Nicht-Genügend auf die Tippaufgaben zu bekommen , weil es das System nicht erlaubt, Tippfehler zu korrigieren, die sich im Geschwindigkeitsrausch nicht vermeiden lassen.


Auch bin ich überzeugt davon, dass ich – gemäß  der Möglichkeit zur Korrektur – die anderen weit abhängen würde. Ich wäre auch mit 30 Fehlern noch immer schneller als Nadine, die mit stumpfsinnigem Gesichtsausdruck in ihrem lahmem Tempo sinnbefreite Sätze stolz nachtippt oder ich wäre zügiger als Eva, die ihre Lockenmähne tierartig nach jedem korrektem Satz beutelt, als bettelnde Geste, um von der Lehreperson gekrault zu werden.

Wäre auch ich ein Tier, dann wohl ein begossener Pudel mit Halskrause, behindert vom System, dem Leckschutz

oder: ein sinkendes Boot
über das Wortwellen brausen

oder: rasende
Finger vor kippenden
Zeilen auf der Flucht
vor ihnen und ihren
Zuschreibungen

Davon gab es stets genug;

Ich habe Pfeffer im Hintern, hat er gesagt und eigentlich gemeint, es wäre praktischer, wenn ich sein mansplaining in still nickender Manier würdigen würde;

ich habe zuviel Energie, hat sie gesagt, als ich im frühen Kindesalter einen Tick entwickelte, der mich dazu drängte, immer dann zu hüpfen, wenn Personen in meiner Nähe waren, vor denen ich flüchten wollte;

ich bin zu sensibel, hat er gesagt, weil er zu unsensibel war;

es habe zu wenig Respekt, hat sie zum Kind gesagt, das dem Mann, der ihm seinen Schwanz in den Mund gesteckt hatte, ein Eis ins Gesicht schmierte;

es habe zu wenig Vertrauen, hat der Mann zum Kind gesagt, bevor er es kurz daraufhin betäubte;

Schneller zu sein als die Zuschreibungen, die sich wie Mäuler über mich stülpten, waren die einzigen Anschläge, die für mich zählten und noch heute gibt es die Hoffnung, irgendwann Lichtgeschwindigkeit zu erreichen, um die Fehler der anderen zu korrigieren, bevor es das System bemerkt, sie auszumerzen, noch bevor sie geschehen.

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