Labyrinthe

Zusätzlich zu ihren Kiemen besitzen Labyrinthfische ein weiteres Atemorgan: Das sogenannte Labyrinth, das sich in der Kiemenhöhle der Fische befindet. Es ähnelt der menschlichen Lunge, und ist stark verzweigt. Mit dieser organischen Sonderausstattung ist die Labyrinthfischgruppe gegen den Klimawandel gewappnet. Aufgrund ihrer Fähigkeit, atmosphärischen Sauerstoff aufzunehmen, überleben die Tiere auch in sauerstoffarmem Wasser. Sie sind Spezialisten, gerüstet gegen das Absinken, gegen die Überwärmung tropischer Gewässer. Mich fasziniert die Vorstellung, dass die farbenprächtig schillernden Wesen mitunter in kleinen Schlammpfützen hausen oder auf Wanderschaft gehen, um andere Gewässer aufzusuchen.

Ein solcher Künstler ist der asiatische Kampffisch, auch Feuerfisch genannt. Er gilt als einer der aggressivsten Süßwasserfische, was vor allem in Ostasien dazu führte, dass Menschen sich daran ergötz(t)en, den Kampf zweier Männchen auf engem Raum zu inszenieren. Der Fight Club der Fische endet aufgrund fehlender Fluchtmöglichkeiten stets für einen der Konkurrenten tödlich. Die Fische rammen sich, beißen die Flossen ihrer Rivalen ab oder versuchen sich gegenseitig davon abzuhalten, an die Wasseroberfläche zu gelangen, zu atmen.

Was als Hack der Natur gedacht ist, kann sich also rasch ins Gegenteil verkehren.  Eine Sonderausstattung wird zur lästigen Zusatzbelastung, die dem Organismus noch ein weiteres „To-Do“ abverlangt und das nicht nur am Gipfel der Bedürfnispyramide, sondern an der absoulten Basis, dem schlichten Überleben. Das gesamte Leben wird zum Labyrinth.

Getarnt als Wege der Selbstfindung, als achtsame Einkehr zur eigenen Mitte verlaufen wir uns durch die zahlreichen Richtungsänderungen der Pfade. Ist auch der Weg das Ziel, so sind wir meist weit entfernt vom Vergnügen der Zielsuche, von leuchtenden Ausgängen oder dem Golftopf unter schimmernden Regenbögen.

Wir sind das Spiel                                                    des Versteckens
wir sind
das immergleiche
Abschreiten des eigenen
Musters

Vielleicht zeigen die Wahlergebnisse, dass die rechte-Hand-Methode tatsächlich hilfreich im Labyrinth ist – doch wo gelangen wir hin, wenn wir die Verzweigungen verlassen? Geblendet vom brennenden Feuerball führt uns kein T(h)or zur Erleuchtung, sondern lässt und bloß ab und an die eigenen Schatten erahnen.

Halte dich an die Ratten, schreibe ich, sie machen es dir vor, die Suche nach dem Ausgang, der passenden Dosis zwischen Alleingang und Team; doch Laborratten befinden sich in ein und demselben Labyrinth, während sich über uns mit jeder Begegnung, ein Kaleidoskop immer weiterer Labyrinthe stülpt, deren Pfade sich nur zufällig an gewissen Stellen kreuzen.
Wo sind erwartbare Schnittstellen, an denen wir uns berühren?
Gibt es Löcher in der Matrix, gibt es Fehler im System, durch die wir entkommen können und: wo kommen wir dann hin?

Ja, wo kämen wir denn da hin, wenn
alle sagten und alle würden und alle könnten
und alle gingen?

Menschen verwetten ihren Lebensunterhalt, um sich daran zu erinnern, dass jeder Life-Hack bloß den Tod mit sich bringt, Menschen setzen auf den Kampf der anderen, um sich den eigenen zu erleichtern, Menschen haben Angst, weil sich Angst zumindest öfter mit anderen überschneidet als Mut, der meist bloß einsame Wege nach sich zieht.

Wir zelebrieren das gemeinschaftliche
Entsetzen, um nicht die Ausgesetzten zu sein
nehmen wir lebenslang
die vorgezeichneten Routen, im Windschatten unserer
Gegner, weil wir uns nicht selbst begegnen
wollen, bleiben wir
die Nachfolger unserer Vorläufer
die irrgeleiteten
Lichter, die Ketten
an unseren Beinen

wir identifizieren uns mit dem Agressor
um uns selbst abzuwehren
lutschen wir
in unseren zuckersüßen Mündern
die Worte rund
doch unser Verlangen ist frei
gegangen

Wir sind Kampf
fische in Reisfeldern, schleimschichtumhüllt
sind wir vor dem Krankmachenden
geschützt, vor dem Milieu
das längst aus dem Gleichgewicht
geraten ist

wie lange
wollen wir
noch stehen?


Eine Antwort zu „Labyrinthe”.

  1. „Ein solcher Künstler ist der asiatische Kampffisch, auch Feuerfisch genannt. Er gilt als einer der aggressivsten Süßwasserfische, was vor allem in Ostasien dazu führte, dass Menschen sich daran ergötz(t)en, den Kampf zweier Männchen auf engem Raum zu inszenieren.“ Es gibt zu viele Drecksäcke unter den Menschen. 

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