Wiegenlied

In der Mitte deines Kopfes
schläft ein wachsamer Soldat.

Sagt Nino.
Und ich: träume
von der Flucht
aus Kriegsgebieten.

Wie viel Krieg steckt in jedem von uns?
Wie viele verlorene Kämpfe vergangener Generationen
machen die Erde in uns zu einem Schlachtfeld?

Ich träume das Schweigen meiner Mutter,
die ungelebten, die überlebten
Geschichten in ihren Blicken
das Flüstern meiner Großmutter
im Schlaf zu den Geistern.

Ich träume mir ein Netz
aus Angstgeweben
ungehörten Schreien
Vererbungsschleifen
und Schicksalsschlaufen
zwischen haltlosen Räumen:
das Erdulden
ohne Aufbegehren.

In mir
bist du,
ich bin ich,
du sind wir,
eins.

Ich bin:
auf der Suche nach dem Weiblichen,
Wiegenlied,
das keine Waffen kennt.

Dem gewogenen
Rhythmus des Herz-
schlages,
der Ablösung
vom Zittern
der Ahnen
in mir.

Wann werden meine Umarmungen
nicht mehr Erben
alter Ängste sein,
frei vom leisen Beben
unter meiner Haut?

Wann wird bloß noch
meine Wärme bleiben,
mein Atem,
der nicht stockt,
mein Herz,
das nicht flieht?

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