Triggerwarnung: Text enthält Darstellungen von Scham, emotionaler Gewalt, Körperverletzungs- und Ekelmetaphern
„Die Zellen der Darmschleimhaut erneuern sich alle 3-5 Tage“, erklärt Wikipedia, „Hautzellen etwa alle 28 Tage, Knochenzellen rund alle 10 Jahre und die Zellen des Herzens erneuern sich nur in geringem Maße über das gesamte Leben hinweg.“
Wie kann es sein, dass alles an mir immer wieder neu wird, mich die alten Zellen leise verlassen, wie Gäste in einer Frühstückspension, und sich doch manches starr gegen jede Veränderung spreizt?
Ich bin:
der Fluss, dessen Wasser sich ständig erneuert,
zugleich das alte
Flussbett, durch das ich fließe,
der hungrig schnappende Fisch im Becken,
der an Land gezogene,
dem der Widerhaken das Maul aufspreizt —
jede Bewegung ein tieferer Schnitt.
Einer meiner Widerhaken, meiner
Formgeberinnen ist die Scham;
Sie ist der Knotenpunkt, um den es fließt, sie lenkt und leitet alles in Wirbeln, verhindert den freien Fluss, sie ist ein Sog, in dem sich die Kraft verliert. Wie ein Familiengeheimnis nehmen die neuen Zellen ihre Botschaft immer wieder in sich auf, bewahren und tragen sie fort.
Wenn du nicht bist, wie ich
dich brauche, dann ist die
Strafe deine
Schuld, wenn du nicht bist
wie ich dich will,
dann lösche ich dich aus,
mit Blicken,
mit Schweigen,
mit Strafe,
bis du dich selbst verlierst
deine Grenze
ist ein Makel,
deine Sehnsucht
eine Schwäche.
Oft sind es die kleinen Momente, in denen ich kippe.
Ein Wort, ein Blick, ein Ja ein Nein
ein Schwindel
Ich
krümme mich,
um dem Flussbeet neue Windungen anzubieten,
ein Aufstauen des Flusses am Damm zu verhindern;
das Wasser
schießt durch die Aufbauten
aus meinen Augen
reißt die Ränder fort,
macht mich zum Strom
der seine Ufer nicht kennt.
Es dauert, bis die überfluteten Felder trocknen;
ich wate in meinen eigenen Pfützen,
die Erde wird schwer/ meine Schritte ziehen mich
hinab/ eine Müdigkeit
eine Scheu/ die sich über mich legt.
Ich habe die Vorstellung, ein modernder Sumpf sammelt sich in meinem linken Ohr; als könnte ich fette klebrige Maden aus meinen Ohrwindungen ziehen, sie befreien und damit mich.
„Ich, weiß“, sagt E., „heute Nacht muss etwas aus meinem Körper raus – das beunruhigt mich.“
Wie kann es sein, dass alles an mir immer wieder neu wird,
eine Verpuppung der Maden
die Schmetterlinge fliegen
aus meinen Ohren.
Mein Becken ist eine Schale,
die das Wasser trägt.
Ich kreise es langsam,
um nichts zu verschütten
Spuren ziehen sich durch
den Schlamm.
Mein Becken ist der Schlüssel,
sein Kreisen ein Wirbel,
aus Sternenstaub
Bewegungen
zurück zum Ursprung
: ich bin die Königin in meinem Reich.
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