Wie wäre es, in einer anderen
Welt zu leben, in einer besseren
natürlich, denn wer möchte schon
in eine noch schlimmere Welt
geboren werden
was wäre, wenn
das römische Reich niemals unter
gegangen wäre, wenn Hitler den zweiten
Weltkrieg gewonnen hätte, der Kalte Krieg
niemals heiß geworden wäre, Kurt Cobain
seine Seele nicht an MTV verkauft hätte?
In der Literatur wird das Motiv der Parallelwelten regelrecht ausgeschlachtet. Kaum eine Fantasygeschichte kommt ohne magische Türen und Portale aus, die ihren Leser:innen den gewohnten Blick auf die Welt entziehen. Die Doppelung von Räumen mündet oft in die Spaltung des Protagonisti:innen-Selbsts; Figuren begegnen ihren Doppelgänger:innen, die als Spiegelbild, böser Zwilling oder Alter Ego auftreten. So ähnlich auch im Plot von Neil Gaimans Roman Coraline.
Die gleichnamige Protagonistin, ein junges Mädchen, zieht mit ihren Eltern, von denen sie sich, wie so oft in Coming-of-age Geschichten, vernachlässigt fühlt, in ein altes Haus. Aus Langeweile, weil sich wieder niemand um sie kümmert, streift sie durch die verstaubten Räume, zählt die alten Fenster und Gemälde und entdeckt dabei eine geheime Tür in der Wand, die sich schließlich als Portal in eine andere Welt entpuppt. Während das Tunnelportal im Ursprungsroman von Neil Gaiman als eine unscheinbare, verziegelte Tür in der Wand beschrieben wird, wirkt sie in der Stop-Motion-Variante von Selick deutlich spektakulärer. Der (Über)gang, der sich im Blick von Coraline zu einem schimmernden blauen Stoffgebilde auswächst, (ver)führt in eine Traumwelt, durch den das neugierige Mädchen eines Nachts wie durch ein organisches Wesen klettert.
Das Ende des Tunnels ist der Anfang des Tunnels und so begegnet Coraline einem Spiegelbid ihrer eigenen Welt: der anderen Mutter, dem anderen Vater – die ihren leiblichen Eltern, bis auf seltsame Knopfaugen, optisch gleichen und nur auf sie gewartet zu haben scheinen. Coraline bekommt all die lang ersehnte Aufmerksamkeit, die ihr bisher gefehlt hat. Alles dort scheint eine bessere Kopie der Wirklichkeit zu sein. Doch: Be careful, what you wish for – so das im Vorspann geannte Motto.
Man muss kein Genie sein, um rasch zu erkennen, dass die überbordenden Entgegenkommen der Mutter und die magischen Momente, die diese Welt in einem bessern Licht glühen lassen, eine Falle sind. Coraline wird verführt und lässt sich auch verführen, bis hin zu dem Moment, in dem die andere Mutter erstmals den Wunsch äußert, Coraline möge für immer bei ihr bleiben. Dafür müsse sie, wie auch die anderen Figuren dieser Welt, Knöpfe statt Augen tragen. Je stärker der Widerstand des Mädchens wird, desto größer wird der Wunsch der anderen Mutter, Caroline zu besitzen. Ihr Charakter entpuppt sich als manipulativ und die Knöpfe werden zum Symbol der Leblosigkeit, der Austauschbarkeit, der Entindividualisierung. Nicht zuletzt spuken drei tote Kinder, deren Herzen von der anderen Mutter geraubt wurden, als Geister in einem Spiegel umher.
„Sie hat uns hierbehalten und uns ausgesaugt, sich von uns ernährt, sodass von uns nichts geblieben ist, nur noch Schlangenhäute und Spinnenhüllen.“ (Gaiman 2010, S. 93, dt. Übers.)
Mithilfe eines schwarzen Katers schafft es das Mädchen schließlich, die Augen von drei verschwundenen (Geister)kindern zu finden und sie, wie auch ihre Eltern und sich selbst, aus den Fängen der mittlerweile zu einer Art Spinnentier mutierten anderen Mutter zu befreien. Die Flucht gelingt, indem das Mädchen der Mutierten den Kater ins Gesicht wirft (wofür sie sich später zurecht bei ihm entschuldigt) und das Tier der anderen Mutter dabei die Knöpfe aus dem Gesicht reisst.
Es ist also auch diesmal wieder das äußere Erscheinungsbild, das trügt. Das Thema der Blendung wird immer wieder im Aufblitzen von Lichtreflexen auf den schwarzen Knopfaugen der anderen Eltern angedeutet. Gerade die, die dir besonders Gutes zu wollen scheinen, entpuppen sich als deine schlimmsten Feinde: das Unheimliche liegt im Heimlichen. Der Wunsch der anderen Mutter, sich die Seele des Mädchen einzuverleiben, ihre größte Sehnsucht, von (dem Mädchen) geliebt zu werden, verlangt Coraline alles ab: „an Eye for an I“ (Rudd)
Was wäre, wenn Coraline geblieben wäre?
Wenn sie sich dem narzistischen Wunsch,
stets im Zentrum der Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu bleiben,
ergeben hätte, wenn sie sich für den Schein entschieden hätte? Der Preis wäre der Verlust ihrer Identität gewesen. Dass Coraline am Ende der Geschichte ihre Augen behält, ist Sinnbild für eine gelungene Individuation – oder zumindest der Ausgangspunkt für seine Möglichkeit.
Gegangen, um zu bleiben;
Hinterlasse einen Kommentar