Seit geraumer Zeit ist etwas anders, das spürt er, und er weiß, es liegt nicht nur am Novembernebel, der sich wie ein ungefragter Gedanke in jede Ritze der Stadt schiebt. Die Tage wirken schwerer, als hätten sie Winterspeck angesetzt, und selbst das Licht scheint für seinen Weg Richtung Erde zögerlich Mut sammeln zu müssen. Die Krähen ziehen seinen Blick durch die Wolken und lassen seinen Geist lose darin hängen; alles ist in der Schwebe.
Seine Smartwatch vibriert, um ihm mitzuteilen, dass es wieder an der Zeit wäre, in den Aktiv-Modus zu wechseln, doch er ist müde und sein Kreislauf zieht einen Perseidenschauer durch sein Sichtfeld. Überhaupt ist er in letzter Zeit ständig müde, auch dann, wenn er gerade geschlafen hat. Die Erschöpfung hängt in ihm wie der Nebel draußen: unspektakulär, aber allgegenwärtig.
Seine Smartwatch meckert, dass sein Tiefschlaf zu wünschen übrig lässt, und rät ihm dazu, seinen Sleep Score zu optimieren. Der Tiefschlaf, heißt es, stärke den Körper, der REM-Schlaf Geist und Psyche. Doch sein Schlaf ist grundsätzlich keine Erholung mehr, seit seine Träume bloß zu weiteren Schauplätzen geworden sind, an denen er ihm begegnet.
Der graue Blick verfolgt ihn bis in die hintersten Winkel seiner Traumlandschaften, lächelt sein kundenfreundlichstes Lächeln, winkt ihm zu, winkt ihn heran – sein Körper muss dem Schauspiel Folge leisten. Hologramme erstrecken sich am Himmel über ihm und zeigen ihm die Welt als einen Machbarkeitsplan. Dicke rote Pfeile verweisen auf Ziele, Fristen blinken auf Reklametafeln im Takt zu einer Uhr, deren Ticken tief in die Poren seiner Haut eindringt. Sein Complianceherz schlägt im Takt, bis ihm die Luft ausgeht. „Es ist in Ordnung, wenn du zögerst“, flüstert eine weich modulierte Stimme in sein Ohr, „alles ist erreichbar, alles ist möglich.“
Wie gerne würde er sich, wie früher, wieder in seinen Träumen verlaufen, doch es gibt kein Dunkel mehr, in dem er sich verbergen könnte, über allem leuchtet die Aura eines giftgrünen Scheins. Der graue Blick zeigt ihm die Welt als abgekartetes Spiel; nichts scheint wirklich bedrohlich, alle Wege führen zum Ziel, doch kein Weg ist mehr ziellos, nichts mehr unvorhersehbar.
Seine Träume enden immer gleich. Der graue Blick wird zu einer Fratze, beginnt sich schnell und schneller zu drehen, nimmt überdimensionierte Maße an, wird zu einem einzigen großen Maul, das ihn verschlingt und halbverdaut in die Wirklichkeit entlässt. Dort angekommen liegt er, ein Fang im eigenen Kadaver, fremd und taub, den Blick gen Himmel gerichtet, den Geist in den Wolken baumelnd zwischen Krähen, die wie Geier über ihm kreisen …
Hinterlasse einen Kommentar