Erinnerungen

Erinnerungen fragen nicht.

Erinnerung kommen
ungerufen
unangekündigt
sie kommen, um
: zu bleiben
: sich in dir einzunisten
an Bruchstellen
anzudocken
ein Mehrzweck
(Kleber) zu sein
(der Umriss, der lästigen
Klebestelle, am abgezogenen
Etikett)

Hier, sagen sie
Hier; manchmal
etwas leiser, oft
viel zu laut: HIER!
ist die Stelle, an der du
die Stelle, an die sie
von der du

HIER

schreien sie

HIER

und dein Kopf dröhnt.

Erinnerungen sind deine
Landkarten ins unbekannte
Gebiet (der Vater fährt,
die Mutter navigiert) Erinnerungen
haben vergessen, dass die Orte sich
längst gewandelt haben; kein Weg
führt mehr dorthin, wo die Straßen
umbenannt

Erinnerungen helfen: die Nichtorte
bewohnbar zu machen; wie Wolken
ziehen sie ihre Formationen
zu Schlössern; du blickst
aus dem Turmzimmer (dein Haar
reicht nicht bis zum Grund)

Erinnerungen sind: Parasiten
die dich nur schleichend töten.

Erinnerungen sind: Diktatoren.

Erinnerungen kommen in Scharen
im Rudel annektieren sie dein Gebiet.

Erinnerungen sind: die Elefanten
(denk nicht an Rosa)
sie sind: die Mücken
im Auge des Pferdes
oder des Sturms (?)

Das Auge des Tigers
das Auge der
ERINNERUNG
die letzte bekannte
Überlebende verfolgt
ihre Beute in der Nacht;

Erinnerung kommen ungerufen.

Erinnerungen fragen nicht, doch ich
habe viele Fragen an sie. Manchmal
versuche ich sie anzulocken (stelle
ein Glas warme Milch mit Honig
neben das Bett der Großmutter, dann
wird sie für mich singen) manchmal
versuche ich sie zu ködern, die guten
fetten Fische, die noch essbar sind
(ich will sie nicht töten), manchmal
rufe ich in den Wald, den ich vor lauter
Bäumen nicht höre (hier fallen sie
in Reih und Glied und mein Herz
brennt)

Erinnerungen wohnen in Höhlen
in deinem Inneren (Garten)
Erinnerungen haben viele Gesichter.

Ich kenne dich
doch denke ich
woher kenne ich
dich, deine Um
Risse, deinen
Rand (ich ziehe
das Vernarbte mit
meiner Zunge nach)

Erinnerungen haben keine Grenzen.
Sie lachen höhnisch über deine starre Form.

Im Knast war ich freier, sagt die Heroinabhängige auf TikTok
dort konnte ich meine Gedanken zwanglos frei bewegen.

Chapeau, sage ich (ich spreche nicht Französisch)
Hut ab, für alle Erinnerungen, die sich mir aufsetzen,
wie Pappkronen (ich bin der König, über deinem Sarg)

Wer bin ich, ohne euch, ohne
Erinnerung, ohne, die Vor
stellung, die Vormacht, die
ihr über mich legt, bin ich
das Aufkeimen der frischen
Samen, der zarten Blüten
knopsen, die nichts von
den Beinen ahnen, die auf
sie treten werden?

Bin ich pur, bin ich
die Gegenwart, ohne
Geländer (mein Haus
wird nie eines besitzen)
bin ich der kalte Winter
ohne den Vorratsschrank
(du dachtest, du seist
kein Tier)

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