vegetarischer Siddharta

Keine Antwort, aber eine Idee dazu findet sich in Han Kans Vegetarierin. Han Kan skizziert in ihrem Buch eine Protagonistin, deren schließliches Verstummen bereits auf den ersten Seiten des Roman angedeutet wird. Die Geschichte wird mit der Sicht eines (ihres) Mannes auf seine Ehefrau (die Protagonistin) eröffnet. Alles, was er sich vom Leben erhofft, ist eine unspektakuläre, geordnete Routine. Für einen Büroangestellten in Südkorea bedeutet das: Zu Hause übernimmt seine Frau gehorsam das Kochen, Putzen und Waschen, während er im Büro selbst in einer untergeordneten und abhängigen Position steht. Dies scheint auch auf gewisse Art zu funktionieren- zumindest eine zeitlang – bis die Protagonistin die Fleischzubereitung und schließlich den Fleischkonsum verweigert.

Anhand der im Roman gezeichneten Situationen der Fleischverweigerung präsentiert Han Kann immer wieder brutale Szenen eines Patriarchats, die im Text aus der Sicht von Männern berichtet und deren Handlung von Männern durchgeführt wird: „Mein Schwiegervater packte seine Stäbchen, nahm ein Stück Schweinefleisch, stand auf, umrundete den Tisch und baute sich vor seiner Tochter auf. (…) Er hielt Yong-Hye das Fleisch vor das Gesicht. ‚Iss! Gehorche deinem Vater und iss! Ich sage dir das in deinem eigenen Interesse. Du wirst sonst ernsthaft krank.“

Der erste Eindruck der Fürsorge um die Gesundheit der Protagonistin entpuppt sich rasch als toxisches Machtverhältnis, indem der Schwiegervater versucht, ihr Fleisch in den Mund zu stopfen und es schließlich zu einem Suizidversuch der Frau kommt.

Die Kritik am Patriarchat und dem Gedanken, dass fleischbasierte Kultur das männliche Ernährungsordnungssystem andere Unterdrückungssysteme repräsentiert (Carol Adams) wird ebenso laut wie die Idee, einem Text zu folgen, der Entwürfe der Rebellion dagegen aufzeigt. Diese entpuppen sich allerdings nicht als ein Lösungsentwurf.

Brutale Träume, in denen sie der Fleischeslust immer wieder ausgeliefert ist oder frönt, quälen die Protagonistin, lassen sie in Kombination mit dem alltäglichen Fleischverzicht immer schwächer erscheinen. Die Entwicklung der Idee, sich dieser Art der (männlichen) Brutalität zu verweigern führt zu einem Schwächer-werden, einer Kompensation in die Kunst (ein auch nicht unerheblicher Aspekt, den ich ignoriere) und schließlich in den Wahnsinn.
Ohne zu Spoilern: Man könnte sich angesichts des Endes der Geschichte durchaus fragen, ob der Versuch, die eigene (weibliche) Körperlichkeit und die damit verbundenen Grenzen neu zu denken nur zwei Optionen kennt: einen Kampf, der nicht zu gewinnen ist oder die endgültige Auf- und damit Erlösung in der Abwendung von dieser Welt.

Ist es in dieser Welt nur möglich, sich täglich aufzulehnen oder schließlich ganz in seinem eigenen Sein zu verstummen? Wie immer, wenn ich nicht weiterweiß, frage ich die KI:

Tatsächlich ist die Wirklichkeit meist komplexer. Menschen haben mehr als nur diese beiden Optionen. Neben offenem Widerstand oder vollständigem Rückzug gibt es auch Zwischenwege, zum Beispiel:

  • Anpassung mit innerer Distanz: Man erfüllt äußere Erwartungen, bewahrt aber eigene Gedanken und Werte.
  • Stille Veränderungen: Man versucht, kleine Veränderungen im eigenen Umfeld oder Verhalten umzusetzen.
  • Selbstverwirklichung außerhalb der Erwartungen: Man sucht Räume (Hobbys, Beziehungen, kreative Tätigkeiten), in denen man sich ausdrücken kann.

Na dann: herzlichen Dank.

Es scheint, dass ich immer wieder die falschen Fragen stelle. Vielleicht, denke ich mir, muss ich besser prompten lernen, am PC, im Leben. Vielleicht muss ich präziser fragen, schrittweise Antworten fordern, deren Format ich deutlich vorgebe; vielleicht verlange ich zu viel(e Dinge gleichzeitig), vielleicht bin ich Ziel-, bin ich Formatlos, vielleicht muss ich die 1-Promt-Methode trainieren, um nicht vor die Hunde zu gehen.

Und: Hätte ich mich daran gehalten, meine Gedanken vorab zu clustern, ein Textskelett zu erstellen, den Rohtext vorzustrukturieren, dann müsstest du nun nicht einen Text lesen, der dich im Kreis herumführt und dich als Zielgruppe verfehlt.

Was passiert, wenn man auf Widerstand verzichtet? Wenn man glaubt zu wissen, einen Krieg ohnehin nicht gewinnen zu können und sich zu ergeben, dem Leben? Es ist kein Zeichen von Schwäche, sagt die KI, sondern, ein Zeichen von Gelassenheit, eine Einsicht, die zu innerer Ruhe und Klarheit führen kann. „Es geht nicht darum, ständig zu kämpfen, aber auch nicht darum, alles hinzunehmen.

Wären wir Maschinen, wäre das wohl die korrekte Antwort. Die meisten mir bekannten Menschen beklagen derzeit allerdings deutlich den Verlust an Energie und ein sich ausbreitendes Gefühl der Erschöpfung angesichts ihres Lebens in dieser Welt.
„Alle Kraft, die wir fortgeben, kommt erfahren und verwandelt wieder über zu uns“, schreibt Rilke und ich denke an Aikido oder Tai Chi, Kampfkünste in denen die Energie „von außen“ nicht direkt bekämpft, sondern umgeleitet wird. Ist es ein Konzept, das Leben als Kampf zu sehen. Könnte es darum gehen zu lernen, gut zu kämpfen, den Kräften des Lebens keine polare Gegenantwort, sondern eine Ableitung, ein Rückführung anzubieten. Ist das Leben ein Kreis(lauf) ohne Anfänge und Enden, in dem es um eine fortlaufende Transformation geht, darum alles zu tun, nur nicht stehen zu bleiben?

(Vielleicht werde ich Siddharta doch noch einmal lesen)

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